
«Werte sind bei jedem von uns vorhanden. Niemand arbeitet ohne Werte. Nur sind sie uns oft nicht bewusst.» Während Anne Heintze dies sagt, nickt Jean-Pierre Neuhaus zustimmend. Das kommt ihm nur allzu bekannt vor. Die letzten zweieinhalb Jahre hat er einen wesentlichen Teil seiner Energie darauf verwendet, Werte bewusst zu machen. Sich selber. Aber auch der Unternehmensführung seines Arbeitgebers Bystronic. Heute steht Neuhaus an einem Punkt, an dem seinem zustimmenden Nicken ein wissendes Lächeln folgt. Bystronic ist eine Erfolgsgeschichte, was den Umgang mit Werten in einem Unternehmen anbelangt. Wie kann man etwas Unsichtbares und Ungreifbares - Wissen und Werte - in einem Unternehmen so aufbereiten, dass es doch fassbar wird? Diese Frage stand im März anlässlich des ersten Unternehmerseminars des European Institute for Knowledge- and Value-Management (EIKV) und der Stier
Communications AG im Raum.
Dieser Raum war der Bystronic-Hauptsitz im bernischen Niederönz. Auf etwas Weiches wie «Werte» deutete dort erst wenig hin. Bystronic ist ein weltweit agierender Anbieter von hochwertigen Lösungen für das Schneiden und Biegen. Das Unternehmen zählt 1309 Mitarbeitende, wovon 994 in Europa (davon 510 in der Schweiz), 90 in den USA und 225 in Asien. 2005 erzielte die zur Conzetta Holding gehörende Bystronic einen Nettoumsatz von rund 490 Millionen Franken. Beeindruckt sahen die 35 Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer zu, wie Laser- oder Wasserstrahlen präzis durch Blech und Metall schnitten oder wie Abkantpressen die Metallstücke mühelos in jede gewünschte Form bogen. Aber Werte?
Unterbewusst waren die Besucherinnen und Besucher jedoch längst in den Bann der Werte-Welt von Bystronic gezogen worden. Denn egal, wo sie hinschauten, stachen ihnen die Hausfarbe und das Logo von Bystronic ins Auge. Die Kommunikation, das wurde deutlich, ist für Bystronic zentrales Werkzeug zur Vermittlung unternehmenseigener Werte. Corporate Communication heisst für Bystronic, dass jeder Kontakt mit Menschen nach innen und nach aussen einem integrierten und somit einheitlichen Ansatz von Kommunikation folgt. Ein Ansatz, der Erfolg verspricht, wenn es nach Manuela Stier geht: «Wenn Produkte und Dienstleistungen immer austauschbarer werden, rückt der emotionale Mehrwert in den Vordergrund», erklärt die Inhaberin der Agentur Stier Communications, die sich als Spezialistin für integrierte Kommunikation positioniert. Ein eigenständiges Firmenprofil schaffe Wettbewerbsvorteile. Unternehmen müssten fassbare Werte vermitteln. «Die strategische Ausrichtung muss die Orientierung nach innen und aussen gewährleisten», so Stier.
Dies ist umso erstaunlicher, als Bystronic bis im Februar 2003 nicht einmal eine Abteilung für Kommunikationsaufgaben hatte. Im Nirgendwo zwischen Verkauf und Marketing textete jemand die Prospekte oder organisierte Messen. Das ging gut, als das Geschäft beinahe ohne Werbung funktionierte. Doch kurz nach der Jahrtausendwende kippte der Markt. Investitionen wurden zurückgestellt. Innovationen stockten. Auf einmal schmerzte es, ein diffuses Marken-Image zu haben und die unkoordinierten Kommunikationsmassnahmen wirkungslos verpuffen zu sehen.
Kompetenz, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Sympathie, Involviertheit, Kundenfokus: Das waren zentrale Werte, welche die Unternehmensführung für Bystronic definierten. Diese galt es, sichtbar zu machen, sie einheitlich, vernetzt, umfassend und allgegenwärtig zu kommunizieren. Damit wurde Jean-Pierre Neuhaus beauftragt, der neu ins Unternehmen kam, um Corporate Communications zu einem neuen und eigentlichen Komptenzzentrum innerhalb von Bystronic aufzubauen. CEO Ferdi Töngi gab ihm dazu die nötige Rückendeckung - eine Tatsache, die Neuhaus als unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg sieht. «Nur wenn das Management zur Kommunikation steht, kann daraus unternehmensweit ein zentrales Führungsinstrument werden», sagt er.
Ebenso gehört dazu nach den Worten von Jean-Pierre Neuhaus der Mut, einzelne Prozesse im Unternehmen periodisch zu hinterfragen.Bystronic hat dies getan. So radikal, dass parallel zur Einführung der Corporate Communications die Unternehmensstruktur umgekrempelt wurde. Heute steht CEO Ferdi Töngi im Organigramm an unterster Stelle. Im Kästchen ganz oben steht das Wort «Kunde».
Zwar steht und fällt jedes Unternehmen mit dem Erfolg seiner Kunden. Nur wenige sind jedoch bereit, diesen Weg so konsequent zu gehen wie Bystronic.
Doch letztlich war es ein kleinteiliges Puzzle, das zu einer komplexen integrierten Kommunikation zusammengefügt werden musste. Bis die Motivations- und Identifikationskurve der Mitarbeitenden nach oben zu zeigen begann oder das Vertrauen der Kunden in die Marke Bystronic wieder vollständig hergestellt war, habe es Widerstände zu lösen gegeben, sagt Jean-Pierre Neuhaus. «Ich bin als Wanderprediger unterwegs, muss überzeugen, argumentieren, immer wieder aufs Neue erklären, warum wir es so machen. Zudem vermitteln wir den Mitarbeitenden das Gefühl, dass wir ihnen gerne für Kommunikationsbelange unterstützend zur Seite stehen», sagt er. Dass sich dieser Aufwand mit den Werten lohnt, zeigen die monetären Werte.
Der Umsatz von Bystronic wächst im Schnitt um 15 Prozent jährlich. Wertvoll ist für Neuhaus allerdings auch jene Rückmeldung eines Mitarbeiters, die ihn erreichte. Dieser sagte zu ihm: «Ich bin stolz, ein Bystronicer zu sein.»