
Lechmann «Für uns ist der Wissensaustausch generell ein wichtiges Thema, da wir genau davon leben und uns dadurch weiterentwickeln. Damit dies keine Inzucht- Angelegenheit wird, versuchen wir, den Wissensaustausch auch mit Aussenstehenden, also beispielsweise Kunden und Lieferanten, so intensiv wie möglich zu betreiben. Auf diese Art stossen wir auf Themen, bei denen unser Wissen noch ausbaufähig ist. Wir schaffen dann Plattformen, für die wir interessierte Menschen einladen, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen.»
Ist Wissens- und Wertemanagement auch wegen der Struktur der IE-Gruppe ein zentrales Thema?
Lechmann «Wir haben drei Standorte in Zürich, Genf und München. Geprägt durch die Mitarbeitenden hat jeder Standort seine Eigenarten, seine Sprache, seine Kultur und natürlich seine Art zu arbeiten. Deshalb ist der Wissensaustausch extrem wichtig, speziell bei übergeordneten Themen wie dem Umgang mit den Kunden oder der Mitarbeiterkommunikation. So trifft sich die IE-Gruppe mindestens einmal pro Jahr, wobei wir uns auch mit fachspezifischen Themen auseinandersetzen und den Austausch fördern.»
Einheitliche Struktur: Können Sie skizzieren, wie das Wissens- und Wertemanagement in der IE-Gruppe organisiert ist?
Lechmann «Wir haben einen Web-Auftritt, innerhalb dessen auch auf ein Intranet zugegriffen werden kann. Hier werden unsere Daten nach einer festgelegten Ordnung hinterlegt, sodass die Tools und Erfahrungen, die an den einzelnen Standorten gesammelt werden, allen zur Verfügung stehen. Wir haben erkannt, dass das Ablegen alleine noch nicht genügt; es braucht eine verantwortliche Person, die dies immer wieder belebt, sodass die Mitarbeitenden aus dem Tagesgeschäft herausgeholt werden und dieses Thema angehen.»
Konkret: Ein Mitarbeiter ist auf der Suche nach einer Lösung für sein aktuelles Projekt. Wie geht er vor?
Lechmann «Zuerst wird er Kontakt mit einer Person aufnehmen, die über dieses Wissen verfügen könnte. Wir führen eine Liste mit dem Namen WWW: Wer weiss was? Diese steht jedem Mitarbeiter zur Verfügung, sodass er ein persönliches Gespräch aufnehmen kann und vielleicht direkt auf bestehende Dokumente oder Projekte verwiesen wird. Gleichzeitig kann über unser standardisiertes Ablagesystem auf neutralisierte Tools zugegriffen werden. Meistens wird man jedoch einen Spezialfall suchen, der sich am besten in einem persönlichen Gespräch erörtern lässt. Im Moment sind wir dabei, uns zu zertifizieren, dies wird wohl bis Ende Jahr abgeschlossen sein. Dafür wurde unsere Ablagestruktur reorganisiert; wir werden im Moment deswegen auditiert. Ziel ist dabei auch eine zusätzliche Belebung des Wissensaustauschs und die Förderung der Fähigkeit unserer Mitarbeiter, mit den entsprechenden Medien umzugehen.»
Das Wissen ist der Wert der Firma: Es gibt Unternehmen, die nur noch auf zertifizierte Partner setzen. Spielt dies für Sie auch eine Rolle?
Lechmann «Ja, durchaus. Obwohl wir uns im Dienstleistungsbereich bewegen, also kein Produkt im eigentlichen Sinn vertreiben, haben wir immer mehr Kunden, die dies von uns wie von allen ihren Lieferanten erwarten. Auf der anderen Seite ist dies eine Art zu sagen: Unsere Informationen sind organisiert, unser Wissen ist uns wichtig. Wir haben eine sehr niedrige Mitarbeiterfluktuation, die Leute sind dem Unternehmen verbunden, weil sie daran beteiligt sind. Ihr gemeinsames Wissen ist so wertvoll, weil es gut organisiert ist. Wir haben keine Liegenschaften, Grundstücke oder Maschinen, das Wissen ist der Wert der Firma.»
Sie haben den Wissensaustausch mit Ihren Kunden angesprochen. Läuft dies in beide Richtungen ab oder geben primär Sie Ihr Wissen an die Kunden weiter?
Lechmann «Dies ist ein sehr wichtiges Element - und zwar in beide Richtungen. Wir möchten die Bedürfnisse unserer Kunden kennen lernen. So erkennen wir Trends und Entwicklungen, die für uns von entscheidender Bedeutung sind. Wir halten ständigen Kontakt; auch nachdem ein Projekt abgeschlossen ist, gibt es bei uns eine verantwortliche Person, die den persönlichen Kontakt weiter pflegt. Am Ende eines Projektes führen wir ein Gespräch mit den Beteiligten - wir sind überzeugt, dass wir von unseren Kunden nur lernen können. Ausserdem versuchen wir, eine Plattform unter dem Namen IE Brennpunkt zu schaffen. Hierfür sprechen wir unsere bestehenden Kontakte an und laden Interessenten ein, sich mit anderen Unternehmern auszutauschen über anstehende Veränderungen oder über Unternehmensführung, um nur einige Beispiel zu nennen. So werden Kontakte gepflegt und wichtige Themen beleuchtet, es entstehen Anregungen und Diskussionen, man lernt Menschen einmal von einer anderen Seite kennen. Wir führen eine Vielzahl von Projekten gleichzeitig aus, wodurch wir einen Überblick erhalten und vergleichen können, was einem einzelnen Unternehmen nicht in diesem Masse möglich ist. In den Workshops erhalten wir Inputs, wir können den Nutzen von Prozessen hinterfragen. Unsere Verfahrensingenieure schaffen sich so einen Eindruck von technologischen Trends, insgesamt erkennen wir auch die unternehmerischen Trends.»
Interne Widerstände? Ist es nicht manchmal schwer, neue Mitarbeitende zur Preisgabe Ihres Wissens zu bewegen? Entsteht nicht bisweilen das Gefühl, sich dadurch austauschbar zu machen?
Lechmann «Dies gilt nicht nur für neue, sondern auch für ältere Mitarbeiter, die von ihrer Art her eher Einzelkämpfer sind. Die Menschen sind unterschiedlich, auch in ihrer Kommunikationsbereitschaft. Natürlich sind für gewisse Projekte, die sich allein bewältigen lassen, auch die Einzelkämpfer wichtig, aber sie haben dann vielleicht eher Mühe mit dem Gedanken, ihr Wissen anderen zugänglich zu machen. Dies thematisieren wir in Mitarbeitergesprächen. Ausserdem treffen wir uns jede Woche zu einer fixen Zeit, um aktuelle Themen zu diskutieren. Dieser Termin ist für niemanden verpflichtend, er soll vielmehr eine Chance bieten. Vor allem leben wir den Wissensaustausch vor und erklären den Leuten, dass ihr Wissen wertvoll ist und dieser Wert durch den Austausch noch gesteigert werden kann. Neue Mitarbeiter erhalten natürlich durch unser Leitbild und bestehende Unterlagen einen ersten Eindruck. Ausserdem lassen wir sie gleich zu Beginn in einem Team arbeiten, sodass sie nicht im stillen Kämmerchen sitzen, sondern unsere Kultur und unsere Arbeitsweise im persönlichen Kontakt kennen lernen. Jeder neue Mitarbeiter hat einen «Götti», der ihn begleitet und bei der Integration unterstützt.»
Wie sieht das angesprochene Leitbild aus?
Lechmann «Es wurde gemeinsam mit allen Mitarbeitenden erarbeitet: Wir haben Werte definiert, die für uns von Bedeutung sind. Das Ergebnis wurde in einer Broschüre festgehalten, die allen Personen im Unternehmen zur Verfügung steht, sowohl über das Intranet als auch in gedruckter Form. Dies pflegen wir und kommunizieren es auch nach aussen, sodass unsere Kunden sehen, wie wir mit unserem Wissen umgehen.»
Welche Werte stehen dabei im Vordergrund?
Lechmann «Der Wert des Menschen ist für uns zentral. Die fachliche Kompetenz betrachten wir in gewisser Weise als Selbstverständlichkeit, andere Werte sind noch wesentlich wichtiger. Wie lässt sich jemand begeistern, motivieren oder einbeziehen? Wir sind auf gute Ideen angewiesen, und diese entwickeln sich in einem Prozess. Die Erfahrung zeigt, dass Kreatives und Neues entsteht, wenn man sich zusammensetzt und mit Begeisterung an etwas herangeht. Wir unterhalten eine sehr flache Struktur, unsere Leute werden als Mitunternehmer mit einbezogen. Die Führung funktioniert somit nicht über eine starke Hierarchie, sondern über Selbstverantwortung, wir vertrauen auf die Frau oder den Mann, der eine Aufgabe übernimmt. Dies setzt den Austausch über Erfahrungen und auch gemachte Fehler und eine Lernkultur voraus. Wenn Fehler geschehen, gehen wir zu unseren Kunden, um die Ursachen herauszufinden und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Mitarbeiter müssen sich in dieser transparenten Kultur und mit der Eigenverantwortung wohl fühlen. Sie müssen mit ihren Fehlern und Kritik umgehen können, müssen aber auch in der Lage sein, selbst konstruktive Kritik weiterzugeben. Auch die Konfliktbewältigung ist ein sehr wichtiger Punkt: Wir reden offen und fair miteinander und halten stets das Prinzip «Geben und Nehmen» ein. Wenn etwas stört, so wird darüber gesprochen, wobei immer auf die richtige Art und Weise geachtet wird. Dies gilt auch für den Kontakt zum Kunden. Unsere Tools, unser Archiv - all das ist sehr wichtig, doch entscheidend sind am Ende der persönliche Kontakt und das gegenseitige Vertrauen. Es geht bei unserem Geschäft um Investitionen, um Arbeitsplätze, um neue Ausrichtungen für die Zukunft. Dies übergibt man nicht irgendjemandem, sondern nur einem Unternehmen, dem man vertraut.»
Bedürfnisse erkennen: Lassen sich diese Werte den Kunden vermitteln?
Lechmann «Für uns steht nicht der Bau an sich im Vordergrund, sondern die Prozesse des Kunden. In diese tauchen wir ein, dafür haben wir Spezialisten, welche die Sprache des Kunden sprechen. Wir arbeiten Workshop- orientiert; wenn wir uns für einen Auftrag bewerben, fragen wir den Kunden zuerst nach seiner Ausgangslage, nach seinen Bedürfnissen, und versuchen möglichst viele Mitarbeiter mit entsprechendem Wissen auf Kundenseite mit einzubeziehen, sodass sie sich am Ende besser mit dem Projekt identifizieren. »